[O]bwohl Yosal Rogat (in: »The Eichmann Trial and the Rule of Law«) ganz recht hat, wenn er darauf hinweist, daß Ben Gurion noch nicht einmal die Frage, was er denn eigentlich dagegen habe, Eichmann vor ein Internationales Gericht zu stellen, zu verstehen schien, so darf man doch andererseits nicht vergessen, was es für Juden bedeutete, zum erstenmal seit der Zerstörung des Tempels über Verbrechen am eigenen Volk zu Gericht zu sitzen, sich also nicht auf den Rechtsschutz anderer Völker verlassen oder gar an »Menschenrechte« und ähnlich kompromittierte Begriffe appellieren zu müssen. Wer wußte besser als sie, daß sich auf solche allgemeinen Rechte nur die berufen, die ohnmächtig sind, ihren national gesicherten Rechten – »the rights of Englishmen« in Burkes Worten – und ihren eigenen Gesetzen Geltung zu verschaffen.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 394
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[D]ie Lehre solcher Geschichten ist einfach, ein jeder kann sie verstehen. Sie lautet, politisch gesprochen, daß unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht. So wie die Lehre, die man aus den Ländern im Umkreis der »Endlösung« ziehen kann, lautet, daß es in der Tat in den meisten Ländern »geschehen konnte«, aber daß es nicht überall geschehen ist. Menschlich gesprochen ist mehr nicht vonnöten und kann vernünftigerweise nicht mehr verlangt werden, damit dieser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 347
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Anton Schmidt befehligte einen Streifendienst in Polen, der verstreute und von ihrer Einheit abgeschnittene deutsche Soldaten aufsammelte. Im Verlauf dieser Tätigkeit war er auf Mitglieder der jüdischen Untergrundbewegung gestoßen, darunter auf Herrn Kovner, ein prominentes Mitglied, und er hatte den jüdischen Partisanen mit gefälschten Papieren und Wehrmachtsfahrzeugen geholfen. Vor allem aber: »Er nahm kein Geld dafür.« Das währte fünf Monate lang, vom Oktober 1941 bis zum März 1942. Dann würde Anton Schmidt verhaftet und hingerichtet.
[…]
Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmidt einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solcher Geschichten zu erzählen gäbe.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 343 ff.
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[Die deutsche Botschaft trat] an die bulgarische Regierung mit der Bitte um »radikalere« Maßnahmen in der Judenfrage heran, woraufhin es immer noch sechs Monate dauerte, bis die Regierung sich zu einem ersten Schritt in dieser Richtung, der Einführung des Judensterns, entschloß. Aber auch dies führte nur zu weiteren Enttäuschungen, zunächst deshalb, weil das Abzeichen, wie pflichtschuldig nach Berlin gemeldet wurde, »ein allerdings nur kleiner Judenstern« war, ferner, weil die meisten Juden ihn einfach nicht trugen, und schließlich, weil diejenigen, die ihn trugen, »soviel Sympathiekundgebungen seitens der irregeleiteten Bevölkerung erhielten, daß sie jetzt direkt stolz auf ihr Abzeichen sind« (wie ein von Walter Schellenberg, dem Abwehrchef im RSHA, im November 1942 an das Auswärtige Amt weitergeleiteter SD-Bericht notiert). Woraufhin die bulgarische Regierung die Verordnung einfach aufhob.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 292
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Der von der Ostsee im Norden bis zur Adria im Süden reichende Streifen gemischter Bevölkerungen, ein heute zum größten Teil jenseits des Eisernen Vorhangs liegendes Gebiet, setzte sich damals aus den sogenannten Nachfolgestaaten zusammen, die nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten geschaffen worden waren. […] Keiner der neu entstandenen Nationalstaaten besaß auch nur annähernd die ethnische Homogenität der alten europäischen Nationen, die als Modell für ihre politischen Verfassungen dienten. In jedem dieser Staaten gab es große Volksgruppen, die ihre eigenen nationalen Bestrebungen zugunsten eines nur wenig zahlreicheren Nachbarvolkes hatten aufgeben müssen und deshalb dem neuen Staat äußerst feindselig gegenüberstanden.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 285
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Der italienische Faschismus, um es an »rücksichtsloser Härte« nicht fehlen zu lassen, hatte vor Ausbruch des Krieges die ausländischen und staatenlosen Juden im Lande loszuwerden versucht. Das war kein großer Erfolg geworden wegen allgemein mangelnder Bereitschaft zum »harten Durchgreifen« bei den unteren italienischen Beamten, und als das Ganze dann zu einer Sache von Leben und Tod wurde, berief man sich auf die italienische Souveränität und weigerte sich einfach, selbst diesen nicht italienischen Teil der Juden auszuliefern; statt dessen kamen die staatenlosen und ausländischen Juden in italienische Lager, wo sie völlig sicher waren, bis die Deutschen das Land besetzten. Dieses Verhalten läßt sich kaum aus den objektiven Verhältnissen allein – dem Fehlen einer »Judenfrage« – erklären, denn natürlich schufen diese Ausländer in Italien das gleiche Problem wie in jedem europäischen Nationalstaat, der auf die ethnische und kulturelle Homogenität seiner Bevölkerung gegründet ist. Was in Dänemark das Ergebnis eines echten Sinnes für Politik war, eines anerzogenen Verständnisses für die Voraussetzungen und die Verpflichtungen, die Bürgertum und Unabhängigkeit garantierten, das war in Italien Ausfluß einer fast automatisch gewordenen, alle Schichten erfassenden Humanität eines alten und zivilisierten Volkes.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 283
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[I]n dänischen Werften brachen [im August 1943] Unruhen aus, die Werftarbeiter weigerten sich, deutsche Schiffe zu reparieren, und traten in Streik. Der deutsche Wehrmachtskommandeur proklamierte den Ausnahmezustand und führte das Standrecht ein; das hielt Himmler für den geeigneten Augenblick, um die Judenfrage zu erledigen, deren »Lösung« längst überfällig war. Aber Himmler hatte mit einem wichtigen Faktor nicht gerechnet, nämlich daß – ganz abgesehen vom dänischen Widerstand – die deutschen Beamten, die nun jahrelang in diesem Land gelebt hatten, nicht mehr die gleichen waren. […] [Reichsbevollmächtigter] Best hat noch als Zeuge in Nürnberg betont, »daß gerade die dort [in Dänemark] eingesetzten Kräfte [der SS] sich sehr häufig gegen Weisungen von Zentralstellen gewendet haben«. […]
[D]a man sich für die notwendige Unterstützung weder auf die Dänen noch auf die Juden, noch auf die in Dänemark stationierten deutschen Truppen verlassen konnte, trafen Polizeieinheiten aus Deutschland ein, um die Stadt von Haus zu Haus nach Juden zu durchsuchen. Ihnen sagte Best im letzten Augenblick, mit Gewalt in Wohnungen einzudringen sei verboten, da sich sonst womöglich die dänische Polizei einmischen könnte, und mit den Dänen dürfe es nicht zu Handgreiflichkeiten kommen. Infolgedessen konnten sie nur Juden, die ihre Tür freiwillig öffneten, verhaften. Von insgesamt mehr als 7800 Juden fanden sie genau 477, die zu Hause waren und sie einließen. Einige Tage vor dem verhängnisvollen Datum hatte der deutsche Speditionskaufmann Georg F. Duckwitz […] dänischen Regierungsbeamten den ganzen Plan eröffnet[.] […] Den Juden blieb gerade genügend Zeit, ihre Wohnungen zu verlassen und sich zu verstecken, was in Dänemark sehr einfach war, denn »alle Kreise des dänischen Volkes, vom König bis zum einfachen Bürger«, standen, wie es im Urteil hieß, bereit, sie aufzunehmen.
Sie hätten bis zum Ende des Krieges »untergrund« bleiben müssen, hätten sie nicht zum Glück Schweden als Nachbarn gehabt. […] Die Schweden nahmen 5919 Flüchtlinge auf[.] […]
Dieses einzige uns bekannte Beispiel von offenem Widerstand einer Bevölkerung scheint zu zeigen, daß die Nazis, die solchem Widerstand begegneten, nicht nur opportunistisch nachgaben, sondern gewissermaßen ihre Meinung änderten: unter Umständen haben offenbar auch sie die Ausrottung eines ganzen Volkes nicht mehr so selbstverständlich gefunden. […] [D]as Ideal der »Härte« […] [war] nichts weiter als die Lebenslüge, hinter der sich ein hemmungsloses Bedürfnis nach Konformität um jeden Preis verbarg[.]
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 275 ff.
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In B E L G I E N hatte man es mit besonderen Umständen zu tun. […] Einheimische Kollaborateure waren nur in Flandern von Bedeutung; unter den französisch sprechenden Wallonen hatte die von Degrelle geführte faschistische Bewegung wenig Einfluß. Die belgische Polizei hat mit den Deutschen nicht kooperiert, und auf die belgischen Eisenbahner war so wenig Verlaß, daß sie sich sogar an die Deportationszüge heranwagten. Zugtüren blieben mit ihrer Hilfe unverschlossen, oder sie arrangierten Zwischenfälle, um Juden zur Flucht zu verhelfen.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 267 f.
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Zum unaufhörlichen Erstaunen der Nazibeamten über einen so frappanten Mangel an Logik waren sogar überzeugte Antisemiten in anderen Ländern nicht bereit, die »Konsequenz« aus ihrer Gesinnung zu ziehen, sondern zeigten eine »bedauerliche« Tendenz, vor »radikalen« Maßnahmen zurückzuschrecken. Nur wenige haben das so unverblümt ausgedrückt wie ein Mitglied der spanischen Botschaft in Berlin – »wenn man nur sicher sein könnte, daß sie nicht ermordet würden«, sagte er mit Bezug auf 600 Juden, die, ohne je in Spanien gewesen zu sein, aufgrund ihrer spanischen Abstammung spanische Pässe bekommen hatten und die die Franco-Regierung eigentlich gern unter deutsche Jurisdiktion gebracht hätte –, aber gedacht haben die meisten in sehr ähnlicher Weise.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 257
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[S]o wie das Recht in zivilisierten Ländern von der stillschweigenden Annahme ausgeht, daß die Stimme des Gewissens jedermann sagt: »Du sollst nicht töten«, gerade weil vorausgesetzt ist, daß des Menschen natürliche Begierden unter Umständen mörderisch sind, so verlangte das »neue« Recht Hitlers, daß die Stimme des Gewissens jedermann sage: »Du sollst töten«, und zwar unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß des Menschen normale Neigungen ihn keineswegs unbedingt zum Mord treiben.
Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München 2011, S. 248 f.
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